DAS WIEN AKTUELL 3 Es beginnt selten mit einem großen Knall. Veränderungen kommen meist in kleinen Schritten, die einzeln harmlos wirken. Genau deshalb lohnt sich beim Bargeld ein genauer Blick. Denn während überall von Digitalisierung, Komfort und modernen Zahlungsmethoden gesprochen wird, gerät eine einfache Frage zunehmend aus dem Blickfeld. Was passiert, wenn Bargeld irgendwann nicht mehr selbstverständlich ist? Noch ist es nicht so weit. Die Europäische Zentralbank betont ausdrücklich, dass der geplante digitale Euro das Bargeld ergänzen und nicht ersetzen soll. Auch künftig sollen Münzen und Scheine gesetzliches Zahlungsmittel bleiben. Gleichzeitig verändert sich die Welt des Bezahlens gewaltig. Bankfilialen verschwinden, Bankomaten werden weniger und immer mehr Geschäfte setzen auf Karte oder Handy. Dazu kommen neue europäische Regeln gegen Geldwäsche. Künftig gilt EU-weit eine Obergrenze von 10.000 Euro für große Barzahlungen. Bei Bartransaktionen über 3.000 Euro müssen Verpflichtete zudem die Identität ihrer Kunden überprüfen. Die neuen Regeln sollen ab 2027 greifen. Natürlich hat der Kampf gegen Geldwäsche seine Berechtigung. Niemand will, dass Kriminelle mit Koffern voller Bargeld Wohnungen kaufen oder illegale Geschäfte abwickeln. Aber zwischen der Bekämpfung von Kriminalität und einer Gesellschaft, in der jeder finanzielle Vorgang digital nachvollziehbar wird, liegt ein entscheidender Unterschied. Bargeld hat eine Eigenschaft, die keine Karte und kein Onlinekonto vollständig ersetzen kann. Wer mit einem Geldschein bezahlt, hinterlässt nicht automatisch eine digitale Spur. Das ist keine Einladung zur Kriminalität, sondern ein Stück finanzieller Privatsphäre. Und es ist zugleich ein Notfallsystem. Wenn Strom ausfällt, Netzwerke zusammenbrechen oder digitale Bezahlsysteme von einer technischen Panne oder einem Cyberangriff betroffen sind, kann Bargeld plötzlich wieder sehr wertvoll werden. Auch die schwedische Regierung hat genau dieses Thema erkannt. Schweden will die Stellung des Bargelds stärken und begründet dies unter anderem mit der Widerstandsfähigkeit des Zahlungssystems gegenüber Cyberangriffen und anderen Störungen. Neue Regeln zur Sicherung der Bargeldversorgung traten dort am 1. Juli 2026 in Kraft. Und genau hier liegt der Kern der Debatte. Es geht nicht darum, die Kreditkarte abzuschaffen, das Handy aus der Hand zu legen oder die Digitalisierung zurückzudrehen. Wer digital zahlen will, soll digital zahlen. Wer bar zahlen will, muss aber auch morgen noch bar zahlen können. Der digitale Euro kann Vorteile haben. Die EZB verspricht hohe Datenschutzstandards und eine Offline-Funktion, bei der persönliche Transaktionsdaten nur Zahler und Empfänger bekannt sein sollen. Doch technische Zusicherungen allein reichen nicht. Entscheidend ist, dass Bargeld nicht bloß formal gesetzliches Zahlungsmittel bleibt, während seine praktische Nutzung immer schwieriger wird. Denn was nützt das Recht auf Bargeld, wenn es im Ort keinen Bankomaten mehr gibt, die nächste Bankfiliale 20 Kilometer entfernt ist und immer mehr Geschäfte nur noch elektronische Zahlungen akzeptieren? Bargeld ist deshalb keine nostalgische Liebhaberei. Es ist eine zusätzliche Wahlmöglichkeit, schützt ein Stück Privatsphäre und kann im Krisenfall ein wichtiger Bestandteil der Infrastruktur sein. Eine moderne Gesellschaft sollte nicht nur schneller und digitaler werden. Sie muss auch widerstandsfähig bleiben. Solange beide Möglichkeiten bestehen, kann jeder selbst entscheiden, wie er bezahlen möchte. Genau diese Wahlmöglichkeit sollte erhalten bleiben. Denn wer das Bargeld erst dann vermisst, wenn es verschwunden ist, kommt zu spät. H. K. Wenn das Bargeld verschwindet, geht Selbstbestimmung ein Stück weit flöten www.das-wien.at KI generiertes Photo
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