DAS WIEN AKTUELL 3 Jetzt wird es richtig skurril in der SPÖ. Andreas Babler zieht sich zurück. Also fast. Er bleibt Vizekanzler, er bleibt Minister und Parteichef bleibt er ebenfalls, ehe er den Kanzlersessel am 1. Jänner an Finanzminister Markus Marterbauer übergibt, wenn dieser von seiner Krebserkrankung geheilt ist. Den Parteichef kann man ihm aufgrund der Statuten nur am Parteitag nehmen. Und den soll es dem Vernehmen nach im März 2027 geben. Damit der rote Parteiapparat in der Zwischenzeit durch den eigenen Chef nicht noch mehr beschädigt wird und völlig planlos durch die Gegend stolpert, bekommt Babler zwei Sachwalter zur Seite gestellt: Eva-Maria Holzleitner und Philip Kucher. Die beiden sollen gemeinsam mit ihm die SPÖ führen. Wenn das nicht nach politischer Entmündigung auf Raten klingt. Abgesang auf Raten Man stelle sich das einmal außerhalb der Politik vor: Ein Chef kündigt seinen Rückzug an, bleibt aber im Unternehmen, behält seine Funktionen und bekommt gleichzeitig zwei Aufpasser zur Seite. In der SPÖ nennt man das einen „geordneten Prozess“. Und wer sind eigentlich diese beiden Aufpasser? Holzleitner hat Sozialwirtschaft studiert und zumindest einen Bachelorabschluss. Beruflich war sie Studienassistentin, arbeitete bei einer Forschungsgruppe und war in der Patientenanwaltschaft tätig, bevor sie mit 24 Jahren in den Nationalrat einzog. Philip Kuchers ausgewiesene Berufserfahrung liegt vor allem in der Politik. Landesstellenleiter des Renner-Instituts, Gemeinderat, Nationalrat und seit 2025 Klubobmann. Nun sollen also zwei Menschen, deren berufliche Laufbahnen praktisch seit Jahren von der Politik geprägt sind, gemeinsam auf einen Parteichef aufpassen, der sich gleichzeitig selbst zurückzieht und trotzdem weiterregiert. Österreich darf gespannt sein. Besonders schön ist Bablers Erklärung, er habe sich bei seinem Amtsantritt geschworen, „anders zu sein“ und das Wohl der Bewegung über persönliche Interessen zu stellen. Bablers Abgang ungewiss Und selbst im März ist keineswegs garantiert, dass Babler tatsächlich Geschichte ist. Denn beim Parteitag muss ein möglicher Nachfolger erst einmal eine Mehrheit bekommen. Derzeit ist die Delegiertenstruktur der SPÖ sehr stark links geprägt. Und Babler wurde bei seiner letzten Wahl mit mehr als 80 Prozent zum Parteichef gewählt. Wer glaubt, dass beim roten Parteitag automatisch ein neuer Chef präsentiert wird, sollte sich daher nicht zu früh freuen. Vielleicht wird aus dem angekündigten Rückzug am Ende eine triumphale Wiederauferstehung. Man könnte die Konstruktion auch als rote Version von „Drei sind einer zu viel“ bezeichnen. Babler, Kucher und Holzleitner sollen die SPÖ gemeinsam durch die Gegend steuern. Drei Lenkräder, aber keiner weiß so genau, wer eigentlich fährt. Interpretationssache Das Ganze wird natürlich nicht „Führungskrise“ genannt. Das wäre viel zu ehrlich. Es heißt „geordneter Prozess“, „gemeinsame Lösung“ und „neue Einigkeit“. In Wahrheit wirkt es eher wie eine politische Wohngemeinschaft, in der der Hausherr ausziehen will, seinen Schlüssel aber behält und zwei Mitbewohner bestellt, die währenddessen nach dem Rechten sehen. Und so steht Österreich vor einem bemerkenswerten Experiment. Ein Parteichef zieht sich zurück, bleibt aber Parteichef. Zwei Sachwalter übernehmen, aber nicht endgültig. Ein Finanzminister soll irgendwann Vizekanzler werden. Ein Parteitag soll später entscheiden. Und dort könnte ausgerechnet jener Mann wiedergewählt werden, dessen Rückzug gerade organisiert wird. Wenn das die neue Einigkeit der SPÖ ist, darf man gespannt sein, wie die rote Uneinigkeit aussieht. Die SPÖ braucht offenbar keinen neuen Parteichef, sondern ein Betreuungsteam. Besonders freut sich die FPÖ, dass ihr „Zugpferd Babler“ der politischen Bühne vorerst erhalten bleibt. Das vernimmt man aus dem Lager der „Blauen“. Deshalb rechnet man sogar mit einem zusätzlichen Zuspruch aus dem SP-Lager. Interessant ist zudem, dass Babler unbedingt (Medien) Minister bleiben will – auch im Team Marterbauer. Bei den ORF-Skandalen ging der Medienminister allerdings auf Tauchstation. Was passiert mit Zeiler? Und was ist mit Herausforderer und Medienmanager Gerhard Zeiler, der sich für sein Vermögen „natürlich nicht entschuldigen wird“? Man darf wirklich gespannt sein. Auch wenn ihm die verantwortlichen SP-Funktionäre demonstrativ den Sessel vor die Tür gestellt haben, kann der clevere 71-jährige Ex-ORF-Mann und Ex-KanzlerSprecher noch immer sein Ziel, SPBundeschef zu werden, erreichen. Nämlich durch eine entsprechende Wahl am angepeilten Parteitag. Es ist kaum damit zu rechnen, dass Zeiler sich weiter „ruhig verhält“, obwohl er die angekündigte Veränderung an der SP-Spitze begrüßt. Schließlich war es doch er, der zum Posten-Karussell geführt hat. H. K. Peinlich – Peinlicher – SPÖ: Babler geht – aber nur vielleicht – Partei stürzt weiter ab Das Chaos in der SPÖ geht weiter. Marterbauer schließt Ministeramt für Babler nicht aus. FPÖ freut sich, dass ihr „Wahlhelfer“ an Spitze bleibt. © Parlamentsdirektion/Thomas Topf Sesselkleber Babler düpiert SPÖ-Landesfürsten und bleibt
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