Das Wien - E-Book

DAS WIEN AKTUELL 24 Die Regierung jubelt über neue Digitalzahlen, doch für viele ältere Menschen klingt diese Euphorie wie blanker Hohn. Während Ministerien, Behörden, Banken und Konzerne immer stärker auf Apps, Online-Formulare und digitale Postfächer setzen, stehen ausgerechnet jene Menschen immer öfter vor Problemen, die dieses Land jahrzehntelang aufgebaut haben. Anlass sind aktuelle Eurostat-Daten, wonach in Österreich rund 70 Prozent der Bevölkerung über digitale Basiskompetenzen verfügen. Was auf den ersten Blick wie eine Erfolgsmeldung klingt, hat eine zweite Seite: Rund 30 Prozent verfügen eben nicht über diese Kompetenzen. Und darunter befinden sich besonders viele Senioren, die kein Smartphone besitzen, keinen Computer bedienen können oder sich im Internet schlicht nicht sicher fühlen. Für sie wird der Alltag immer komplizierter. Wer heute einen Termin buchen, einen Antrag stellen, eine Rechnung kontrollieren oder eine Leistung beantragen will, landet immer häufiger im Internet. Was für jüngere Menschen selbstverständlich ist, kann für ältere Bürger zur echten Hürde werden. Ein vergessenes Passwort, eine App, die nicht funktioniert, ein QR-Code am Amtsschalter oder eine Bankfiliale, die plötzlich nur noch Automaten anbietet – all das wird für Betroffene schnell zur Belastung. Digitalisierung mag vieles erleichtern, sie darf aber niemanden ausschließen. Recht auf analoges Leben Genau deshalb wird die Forderung nach einem gesetzlich verankerten Recht auf ein analoges Leben immer lauter. Gemeint ist damit: Amtswege müssen auch weiterhin persönlich, schriftlich und ohne digitalen Zwang möglich bleiben. Formulare müssen in Papierform aufliegen, Informationen müssen analog zugänglich sein, Bescheide dürfen nicht ausschließlich im elektronischen Postfach landen, und wer eine Frage hat, muss auch künftig einen Menschen erreichen können – nicht bloß eine Hotline, ein Chatfenster oder eine Fehlermeldung am Bildschirm. Ausgrenzung älterer Menschen Diese Frage ist längst kein Randthema mehr, sondern eine soziale Grundsatzfrage. Denn der digitale Umbau betrifft nicht nur die öffentliche Verwaltung. Auch Banken, Versicherungen, Stromanbieter, Telefonanbieter und andere Unternehmen setzen immer häufiger auf Online-Lösungen. Papierrechnungen werden erschwert oder mit Zusatzkosten verbunden, persönliche Beratung wird abgebaut, Filialen werden geschlossen, und wer nicht online ist, muss sich mühsam durch automatische Telefonsysteme kämpfen. Für viele ältere Menschen bedeutet das nicht Fortschritt, sondern Ausgrenzung. Bürger zweiter Klasse Dabei geht es nicht um Technikfeindlichkeit. Wer digitale Angebote nutzen will, soll das selbstverständlich tun können. Viele Menschen profitieren von Online-Services, schneller Kommunikation und digitalen Behördenwegen. Aber Digitalisierung muss ein Angebot bleiben und darf nicht zum Zwang werden. Ein Smartphone darf nicht zur Eintrittskarte für grundlegende Rechte und Leistungen werden. Wer kein Internet nutzt, darf nicht zum Bürger zweiter Klasse gemacht werden. Besonders im Bereich der öffentlichen Verwaltung braucht es daher klare Regeln. Sämtliche Amtswege müssen auch in Zukunft analog durchführbar bleiben. Anträge, Auskünfte, Bescheide und wichtige Informationen müssen weiterhin auf Papier oder im persönlichen Kontakt verfügbar sein. Gerade ältere Menschen brauchen verlässliche Ansprechpartner, die ihnen bei Behördenfragen helfen, statt sie an Webseiten und Portale zu verweisen. Ein Staat, der nur noch digital erreichbar ist, verliert den Kontakt zu einem wichtigen Teil seiner Bürger. Auch bei privaten Anbietern braucht es verbindliche Vorgaben. Bankgeschäfte, Versicherungsangelegenheiten, Arzttermine, Stromverträge oder Telefonverträge betreffen die Grundversorgung des täglichen Lebens. Wer diese Dinge nicht online erledigen kann oder will, muss trotzdem Zugang dazu haben. Eine analoge Alternative darf kein teurer Sonderweg sein, sondern muss selbstverständlich bleiben. Digitales & analoges Miteinander Die neuen Digitalzahlen zeigen nicht nur, wie viele Menschen bereits online mithalten können. Sie zeigen auch, wie viele Menschen weiterhin Unterstützung, Wahlfreiheit und analoge Zugänge brauchen. Rund ein Drittel der Bevölkerung darf nicht einfach übersehen werden. Am Ende geht es um mehr als Formulare und Rechnungen. Es geht um Respekt, Würde und Teilhabe. Wer sein Leben lang gearbeitet, Steuern gezahlt und Verantwortung übernommen hat, darf im Alter nicht an einer App scheitern. Ein modernes Österreich muss digitaler werden können, ohne dabei menschlicher zu verlieren. Fortschritt ist nur dann echter Fortschritt, wenn er alle mitnimmt – auch jene, die offline leben. Regierung forciert digitalen Hype zu Lasten unserer Aufbaugeneration Der Alltag wird immer digitaler, laut Studie haben schon 70 Prozent der Bevölkerung digitales Basiswissen. Was passiert mit übrigen 30 Prozent? © KI generiert/adobe firefly

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