Das Wien - E-Book

DAS WIEN AKTUELL 10 Herr Präsident Flechl, viele kleine und mittlere Unternehmen kämpfen mit steigenden Kosten, schwieriger Finanzierung und zunehmender Bürokratie. Wie ernst ist die Lage? Alexander Flechl: Die Lage ist ernst – aber nicht hoffnungslos. Wir sehen eine strukturelle Mehrfachbelastung: hohe Energiepreise, Lohnnebenkosten, regulatorische Anforderungen und eine restriktivere Kreditvergabe. Besonders KMU geraten dadurch unter Druck. Dabei sind sie das Fundament unseres Wohlstands. Über 99 Prozent aller Unternehmen in Österreich sind kleine und mittlere Betriebe. Wenn sie schwächeln, schwächt das den gesamten Standort. Aktuell befürchten Experten eine mögliche Insolvenzwelle mit bis zu 8.000 Betrieben pro Jahr. Hier herrscht also Handlungsbedarf, um gegenzusteuern. Sie haben mit dem UnternehmerCircle das sogenannte ALEX-PlusSystem entwickelt. Was verbirgt sich dahinter? Flechl: ALEX steht für einen strukturierten Entwicklungsprozess:  A – Analyse  L – Liquiditätssicherung  E – Entwicklung  X – Expansion Das „Plus“ steht für strategische Beteiligungen, Investorenanbindung und langfristige Begleitung. Wir arbeiten nicht mit punktuellen Beratungsansätzen, sondern mit einem integrierten System. Ziel ist die nachhaltige Stärkung der Eigenkapitalbasis und die strukturelle Wettbewerbsfähigkeit. Ein zentraler Bestandteil ist Ihre sogenannte Spektralanalyse. Was unterscheidet diese von klassischen Prüfungen? Flechl: Klassische Analysen betrachten Vergangenheitszahlen. Unsere Spektralanalyse analysiert das gesamte „Unternehmensspektrum“:  Kapitalstruktur und Liquiditätsdynamik  Marktposition und Innovationsfähigkeit  Managementqualität und Entscheidungsstruktur  Skalierbarkeit und Effizienz  Unternehmenskultur und Zukunftspotenzial Man kann es mit einem Belastungs-EKG vergleichen. Wir erkennen frühzeitig Risiken – aber vor allem Chancen. Gerade in Phasen drohender Insolvenz ist das entscheidend. Viele Unternehmen sind operativ gesund, aber strukturell unterkapitalisiert. Sie gehen in bestimmten Fällen auch Beteiligungen ein. Wie funktioniert das? Flechl: Wir setzen auf partnerschaftliche Modelle:  Stille Beteiligungen  Eigenkapitalstärkung  Co-Investments  Restrukturierungsbeteiligungen Unser Ansatz ist langfristig. Es geht nicht um Spekulation, sondern um Stabilisierung und Wachstum. Ziel ist immer die unternehmerische Selbstständigkeit – nicht deren Verlust. Gerade in InsolvenzvermeidungsSituationen kann eine rechtzeitig strukturierte Beteiligung Arbeitsplätze sichern und volkswirtschaftlichen Schaden verhindern. Welche Rolle spielt Wien in diesem Modell? Flechl: Wien hat enormes Potenzial:  Zentrale europäische Lage  Qualifizierte Fachkräfte  Internationale Anbindung  Universitäre Exzellenz Doch dieses Potenzial wird nicht voll ausgeschöpft. Wien könnte Europas KMU-Drehscheibe zwischen West- und Osteuropa werden. Dafür braucht es eine klare Strategie: Eigenkapital stärken. Investitionen erleichtern. Bürokratie reduzieren. Innovation fördern. Wenn wir Wiener KMU stabilisieren, sichern wir Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Welche konkreten Maßnahmen braucht es aus Ihrer Sicht? Flechl: Fünf zentrale Punkte: 1. Eigenkapitalförderung statt reiner Kreditpolitik KMU brauchen Substanz, nicht nur Schulden. 2. Steuerliche Investitionsanreize Wer investiert und Arbeitsplätze schafft, muss entlastet werden. 3. Entbürokratisierungsoffensive Unternehmer sollen Unternehmen führen – nicht Aktenordner. 4. Standortpartnerschaften zwischen Stadt, Bund und Wirtschaft Koordinierte Strategien statt isolierter Maßnahmen. 5. Insolvenzprävention als Standortstrategie Früherkennungssysteme und Beteiligungsmodelle sind günstiger als Firmenzusammenbrüche. Das ist keine Subventionslogik – das ist strukturelle Wirtschaftspolitik. Ihre Botschaft an Unternehmerinnen und Unternehmer? Flechl: Warten Sie nicht, bis der Druck existenziell wird. Lassen Sie Ihr Unternehmen professionell analysieren. Denken Sie Eigenkapital strategisch. Nutzen Sie Netzwerke. Wien und Österreich kann stark bleiben – wenn wir den Mittelstand und die KMUs ins Zentrum stellen. Vielen Dank für das Interview! Flechl: Ich danke Ihnen! Das Gespräch führte Herausgeber Heinz Knapp mit Präsident Alexander Flechl vom UnternehmerCircle Verband. „Wien und Österreich kann definitiv Europas KMU-Drehscheibe werden“ Präsident Alexander Flechl über das ALEX-Plus-System, Spektralanalyse, Beteiligungsmodelle – und eine neue Agenda für den Standort Österreich. Foto beigestellt

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