Das Wien - E-Book

DAS WIEN KULTUR 10 F ranzobel (52), als Franz Ste- fan Griebl in Oberösterreich geboren, mehr als die Hälfte seines Lebens in Wien wohn- haft, ist einer der populärsten deutschsprachigen Schriftstel- ler. Der studierte Germanist und Historiker erhielt u. a. den Ingeborg- Bachmann - Pre is (1995), die Bert-Brecht-Medail- le (2000), den Arthur-Schnitz- ler-Preis (2002), zwei Nestroy- Theaterpreise (2005) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Von Franzobel erschienen zuletzt die Krimis „Wiener Wunder“ und „Groschens Grab“. Für den epochalen Roman „Das Floß der Medusa“ stand er 2017 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde mit dem Bayerischen Buchpreis aus- gezeichnet. Nun hat der be- kennende Genussmensch den nächsten Kassenschlager auf den Markt gebracht: „Rechts- walzer“ (Zsolnay Verlag). Ein Kriminalroman, in dem ein Mann in den Fängen der Justiz landet, Mord inklusive – und der Opernball als Propagandas- pektakel. „Rechtswalzer“ be- schäftigt sich mit dem Tanz am Abgrund einer Demokratie, die sich Richtung Diktatur bewegt. Suzan Aytekin bat den philo- sophischen Sprachvirtuosen- und Preisträger des Fine Crime Award 2019 Franzobel zum In- terview. Das Wien: Sie kennen den Opern- ball aus drei Perspektiven: als Opernball-Demonstrant, Kabelträ- ger für den ORF und Opernballgast. Was hatte Sie dazu bewegt gegen dieses rauschende Fest zu demons- trieren? Franzobel: Ich war damals poli- tisch, sozialrevolutionär und naiv. Es war angesagt, gegen dieses Fest der Reichen und Schönen zu demonstrieren – als Protest ge- gen das soziale Ungleichgewicht. Außerdem war der bayrische Mi- nisterpräsident Franz Josef Strauß angesagt und verstand ich das Demonstrieren gegen den Opern- ball auch als Zeichen gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wa- ckersdorf. Das Wien: Welchen Persönlich- keiten sind Sie als Kabelträger über den Weg gestolpert oder diese über Ihr Kabel womöglich? Franzobel: Dem Kurt Waldheim bin ich fast auf den Frack getreten und mit Caroline von Monaco hat- te ich kurz Blickkontakt. Damals war der Opernball noch nicht das Dschungelcamp der Österreicher, sondern ein feierlicher Abend mit Stil und Grandezza. Damals war man noch nicht so auf die Ehren- gäste des Baumeisters fokussiert. Das Wien: Ihr neuestes Buch ist ein Krimi namens „Rechtswalzer“ – wie lange haben Sie gebraucht, um auf diesen Titel zu kommen? Franzobel: Sehr lange. Das Fin- den eines passenden Titels dauert bei mir oft Monate, manchmal so- gar Jahre. Das Wien: Ein Zitat von Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ steht zu Beginn Ihres gesellschafts- kritischen Kriminalromans. „Dass Politik in meinem Leben eine Rolle spielen könnte, verwirrte und ekelte mich ein bisschen…“ Warum? Franzobel: In Houllebecqs Ro- man hat eine islamistische Regie- rung die Macht ergriffen. Bei mir ist es quasi der Gegenentwurf, wird Österreich im Jahre 2024 von einer radikalen, nationalen, aus- länderfeindlichen Partei regiert. Das Wien: Wie politisch sind Sie ei- gentlich? Franzobel: Unterschiedlich. Es gibt Phasen, da verfolge ich die Politik sehr intensiv, dann gibt es aber auch Zeiten, in denen mich das alles abstößt und anekelt, mir die Politik jede Lebensfreude ver- dirbt. Das Wien: Franzobel goes Politics - werden wir das eines Tages erleben dürfen? Es gibt zahlreiche Querein- steiger. Warum nicht auch ein intel- lektueller Querdenker? Franzobel: Niemals! Politik ver- dirbt den Charakter. Außerdem bin ich nicht macht- oder medien- Franzobel, literarischer Aktionist, interpretiert die aktuelle Baustelle des österreichischen Parla- ments als Sinnbild des Demokratieverständnisses des Landes. Fotos © Alex Felix Rauscher „Politik verdirbt den Charakter!“ Er amüsiert, polarisiert und provoziert: Franzobel – Österreichs produktivster Literat und Querdenker im„DasWien“-Gespräch. Er outet sich als Merkel-Fan. Die Ohnmacht des Einzelnen finde ich immer noch schockierend. Franzobel

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