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Prof. Dr. Dagmar Schratter im Gespräch mit Harald Raffer
© Daniel Zupanc

Interview | Leute

„Wir wollen Besucher für die Welt der Tiere begeistern!“

Dr. Dagmar Schratter, Direktorin des Schönbrunner Tiergartens, setzt sich für die Artenvielfalt ein. Ältester Zoo der Welt ist wirtschaftlich „gesund“.

Prof. Dr. Dagmar Schratter fungiert seit Jänner 2007 als Alleingeschäftsführerin der Schönbrunner Tiergarten GesmbH. Die gebürtige Klagenfurterin ist damit die erste „Frau Direktor“ in der Geschichte des weltberühmten Wiener Zoos. Neben ihrer Tätigkeit im Tiergarten unterrichtet die in Steyr lebende Biologin an der Veterinärmedizinischen Universität. Im Interview mit Harald Raffer („Das Wien“) spricht Dagmar Schratter über Artenschutz, Tierhaltung, Budget-Zahlen und über das Auftauchen des Wolfes in der Alpenrepublik.

Das Wien: Frau Professor Schratter. Nach Ihrem 65. Geburtstag gehen Sie mit Jahresende in Pension. Steht ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin bereits fest? Und was hinterlassen Sie als Chefin des ältesten Zoos der Welt für ein Erbe?
Schratter: Nein – es steht noch kein Nachfolger fest. Die Ausschreibung wird erst stattfinden. Ich hoffe, dass ich ein so gutes Erbe hinterlassen werde, wie ich es von meinem Vorgänger Helmut Pechlaner übernommen habe. Wir stehen wirtschaftlich auf gesunden Beinen und wir waren jetzt zum fünften Mal „bester Zoo Europas“. Ich denke, darauf kann man aufbauen.

Das Wien: Was sagen Sie Kritikern, die sich gegen die Zoo-Tierhaltung aussprechen? Also gegen die Haltung von Tieren in künstlichen Gehegen, wo angeblich der Platz zum Auslaufen fehlt? Tierschützer meinen, dass manche Großtiere in den Zoos verkümmern würden…
Schratter: Wir unterscheiden zwischen Kritikern und Zoogegnern. Ich bin immer offen für eine berechtigte Kritik, etwa bei der Haltung von Tieren, weil man sich ja immer verbessern kann. Wenn man aber generell gegen Tierhaltung auftritt, egal ob Zoo- oder Heimtierhaltung, muss man feststellen, dass im Zoo die Tiere bestens betreut werden. Wir haben ausgebildete Pfleger, ausgebildete Tierärzte, Zoologen und viele Menschen, die sich engagiert um unsere Tiere kümmern. Das kann weder in der Nutztier-, noch in der Heimtierhaltung der Fall sein. Die Frage ist – darf ich Wildtiere halten? Ich muss das mit Ja beantworten! Wir sehen unsere Wildtiere als Botschafter für ihre Artgenossen, die draußen leben. Wenn ich mir die Situation im Freiland ansehe, muss ich sagen, dass Zoos immer notwendiger werden. Wir sind keine Arche Noah, wir sind aber zumindest ein Beiboot mit Zuchtprogrammen gefährdeter Tierarten und mit Wiederansiedlungsprogrammen. Es gibt genügend Beispiele, bei denen Tiere nur in Zoos überlebt haben oder von Zoos wieder ins Freiland entlassen werden konnten. Wir haben eine Mission – wir wollen unsere Besucher für die Welt der Tiere begeistern und das kann man eben nur mit dem lebenden Tier. Wer bei uns einmal gesehen hat, wie Kinder mit der Nase auf der Scheibe bei den Eisbären oder den Robben picken, der weiß auch, wie das Interesse für Tiere entstehen kann. Das halte ich für die wesentliche Aufgabe eines Tiergartens. Deshalb sind Zoos legitim. Zur viel gepriesenen Freiheit – ein Tier ist auch draußen nicht so frei, wie es scheint. Etwa durch bestimmte Reviere mit Nahrungsressourcen, eingeengte Lebensräume…

Das Wien: Der Zoo dient zur Info und zur Unterhaltung und muss, bei über zwei Millionen Besuchern im Jahr, ökonomisch geführt werden. Es handelt sich also um ein Wirtschafts-Unternehmen…
Schratter: Wir verfügen zur Zeit über ein Budget von 30 Millionen Euro. Dabei hatten wir in den letzten Jahren über 100 Prozent Selbstkostenabdeckung. Wir erhalten noch eine Million Zuschuss im Jahr. Wenn ich das allerdings mit anderen Kultureinrichtungen vergleiche, ist das ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben diese Förderung trotz unserer 100prozendigen Abdeckung bekommen und stecken das Geld wieder in Neubauten, Verbesserungen für die Tiere und Renovierungsarbeiten. Wir verfügen über 260 Mitarbeiter, wovon sich 197 in Vollzeitbeschäftigung befinden. Wir haben viele Teilzeit-Mitarbeiter, gerade im zoopädagogischen Bereich. Dazu kommen noch 100 bis 150 Mitarbeiter der Gastronomie. Die Personalkosten liegen dabei immer unter 50 Prozent. Die Tierernährungskosten werden meist überschätzt, sie machen nur einen geringen Teil der Gesamtkosten aus. Wir verfügen noch über die tierärztliche Ordination Schönbrunn als Tochtergesellschaft mit fünf Fach-Tierärzten und einer halben Stelle. Da kann jeder Tierbesitzer mit seinem Liebling hinkommen.

Das Wien: Als Eigentümer des Tiergartens Schönbrunn fungiert ja die Republik Österreich, genauer gesagt das Wirtschaftsministerium. Wäre es nicht naheliegender, wenn das Landwirtschaftsministerium zuständig wäre?
Schratter: Der Tiergarten ist ja der älteste der Welt, er wurde 1752 gegründet. Nach dem Niedergang der Monarchie ist 1921 der Tiergarten vom Bund übernommen und dem Wirtschaftsministerium unterstellt worden. Das ist völlig in Ordnung. Ganz Schönbrunn ist ja UNESCO-Weltkulturerbe.

Das Wien: In Ihrem Aufsichtsrat sitzt auch Ex-Kanzler Wolfang Schüssel. Warum - ist er ein besonderer Tierfreund?
Schratter: Die Aufsichtsräte werden von den jeweiligen Ministern bestellt. Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Schüssel hat sich einmal massiv für den Weiterbestand des Tiergartens eingesetzt. Der Tiergarten hat in seiner 260-jährigen Geschichte Hochs und Tiefs erlebt und war drei Mal knapp vor dem Zusperren. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und Ende der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Da wollte man den Tiergarten zusperren. Fachleute und die Politik hatten das gefordert, weil man der Meinung war, dass man durch den strengen Denkmalschutz keine vernünftigen Neuerungen bzw. keine zeitgemäße Tierhaltung machen könnte. Schüssel war damals Minister und hat den Tiergarten ausgegliedert. Wir konnten in den letzten 26 Jahren zeigen, dass Denkmalschutz und zeitgemäße, moderne Tierhaltung keinen Widerspruch ergeben. Wir sind die einzige noch erhaltene barocke Anlage. Da fällt mir ein Spruch meines Vorgängers ein: „Es gibt kein zu kleines Gehege, es gibt nur die falschen Tiere darin.“ Man braucht sich nur umzusehen – etwa das wunderschöne Panda-Gehege, die neue Elefanten-Anlage ect.

Das Wien: Sie haben damals in der legendären TV-Sendung „Rendezvous mit Tieren“ mit Otto König mitgewirkt. Fehlt heute so eine Sendung im ORF?
Schratter: So eine Sendung, wie sie Otto König gemacht hat, würde es heute nicht mehr geben. Die Zeit ist einfach schnelllebiger geworden. Wir hatten ja Tiere ins Studio mitgebracht. Das ist mittlerweile undenkbar. Die Sendung hat stark von der Person Otto König gelebt. Es gibt heute gewisse Ansätze. Die Universum-Sendung ist etwas anderes, hat einen Dokumentationscharakter. Erwin Pröll im ORF III geht ein wenig in diese Richtung.

Das Wien: Panzernashörner, Große Pandas und die Tauernschecken Ziegen sind Ihre Lieblingstiere?
Schratter: Bei 700 Tierarten ist das natürlich ganz schwer zu sagen. Ja, die Panzernashörner gehören dazu, weil sie irgendwie an Urtiere erinnern. Die Pandas sowieso. Die Tauernschecken Ziegen? Ich mag einfach Nutztiere. Ich mag auch die Rinder. Aber Ziegen sind clevere Tiere. Vielleicht hängt das auch mit meiner Doktorarbeit über Alpensteinböcke zusammen.

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