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Werner Christoph Kaizar und Herausgeber Heinz Knapp.
© Selina de Beauclair

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„Wien ohne Fiaker, wäre wie Venedig ohne Gondeln“

Werner Christoph Kaizar spricht über die Wiener Tradition der Fiaker und ist gegen die neuen Elektro-Kutschen "Made in China".

Das Wien: Sie haben die Initiative “Pro Fiaker Kultur“ ins Leben gerufen, die sich für die Wiener Fiaker einsetzt. Warum brauchen die Fiaker Unterstützung?
Werner Kaizar: Die Wiener Fiaker gehören zu Wien, wie der Stephansdom oder die Wiener Sängerknaben. Seit über 350 Jahren prägen sie das Stadtbild und sind, wie es der ehemalige Bürgermeister Helmut Zilk ausdrückte „ein unverrückbares Mobiliar der Innenstadt“. Leider versuchen seit Jahren sogenannte Tierschützer den Pferden den Gar auszumachen. Und missbrauchen ein Wiener Wahrzeichen um Spenden für ihre millionenschweren Vereine zu lukrieren. Die Fiaker hatten bis eben vor etwa zwei Jahren keine Lobby. Das ist jetzt anders. Wir verfügen über keine finanziellen Mittel, aber wir kämpfen mit Leidenschaft für unsere Stadt und damit für den Erhalt unserer Fiaker.

Das Wien: Warum „sogenannte“ Tierschützer?
Kaizar: Das Problem ist, dass diese Organisationen von Pferden keine Ahnung haben und diese wunderbaren Tiere nur von der Entfernung kennen. Außer beim Demonstrieren, da stehen sie wenige Meter neben den Fluchttieren lärmen und schwenken Transparente. Wenn man Pferde liebt, muss man ihnen möglichst viele Aufgaben geben. Nimmt man den Pferden ihren Job, nimmt man ihnen das Leben. Jedes Nutztier braucht eine Aufgabe, auch für seine Psyche. Darüber hinaus entspricht das Schrittgehen in der Kutsche dem Wesen Pferd. Ein Pferd in einer Box, oder kleinen Koppel eingesperrt ist unglücklich. Ich schätze es allerdings wenn sich Tierschützer gegen Massentiertransporte einsetzen. Sie sollten getreu dem Motto “Schuster bleib bei deinem Leisten“ sich auch für notleidende Hunde oder Katzen einsetzen.

Das Wien: Leidet ein Fiakerpferd im Sommer unter der Hitze?
Kaizar: Das ist eines der größten Missverständnisse. Wäre dem Steppentier Pferd heiß, hätte die gesamte Menschheitsgeschichte nicht stattfinden können. Alexander der Große hätte nicht nach Ägypten ziehen können, Wüstenvölker hätten keine Nomaden sein können, Bauern hätten die Felder nicht bestellen können, keine Revolution wäre möglich gewesen und auch die Industrialisierung hätte nicht stattfinden können, da die Maschinen anfänglich von Pferden betrieben wurden. Winnetou hätte nicht einmal Old Shatterhand in der Prärie treffen können (lacht). Man darf nicht den Fehler begehen von seinem eigenen Körpergefühl auf das Körpergefühl der Tiere zu schließen. Dem Bauarbeiter, der bei 40 Grad auf der A2 asphaltiert, dem ist heiß. Nicht dem Steppentier. Allerdings müssen Pferde bei hohen Temperaturen ausreichend mit Wasser versorgt werden.

Das Wien: Wie sieht es mit dem Wirtschaftsfaktor Fiaker aus?
Kaizar: Der ist enorm. Rund 26 Fiakerbetriebe versorgen über 300 Pferde und rund 1000 Arbeitsplätze stehen in Zusammenhang mit den Fiakern. Vom Stallburschen, Kutscher, Hufschmied, Tierarzt bis hin zum Bauern der Futter und Einstreu liefert. Die Fiaker kaufen mehr Futter ein, als die Spanische Hofreitschule. Für den Tourismus, und da sind wir uns mit dem Wiener Tourismusverband auch einer Meinung, sind die Fiaker unverzichtbar. Laut einer Studie ist die Fiakerfahrt der vierthäufigste Grund für den Wiener Städtetourismus. Wien ohne Fiaker, wäre wie Venedig, ohne Gondeln.

Das Wien: Sehen die Fiaker sogenannte „E-Oldtimer“ und „E-Kutschen“ als Konkurrenz?
Kaizar: Zur Fiakertradition gibt es keine Konkurrenz. Allerdings muss man sagen, dass die Fiaker sehr streng kontrolliert werden und sehr strengen Auflagen unterliegen, dass begrüßen wir auch, im Gegensatz dazu fährt allerdings das Plastikklumpert aus „Made in China“ wild durch die Stadt, parkt kreuz und quer, verfügt über keine Betriebsgenehmigungen und fährt mit Touristen herum, obwohl sie kein Rundfahrtengewerbe sind. Eigentlich ziemlich gefährlich. Dass sie darüber hinaus die Innenstadt verschandeln steht auf einem anderen Blatt.

Das Wien: Treffen diese „E-Fahrzeuge“ nicht den Zeitgeist?
Kaizar: Nicht jeder Zeitgeist hat Wien gut getan. Und eines ist doch klar: mehr „Bio“ als das Fortbewegungsmittel Pferd gibt es nicht. Für den Antrieb der Plastikgefährte braucht man Strom, der bekanntlich auch aus Atomkraftwerken und Kohlekraftwerken stammt. Der Antrieb der Fiakerpferde ist das Heu der Wiener Bauern und die Liebe zu ihren Kutschern.

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