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Suzan Aytekin von „Das Wien“ traf Andreas Schieder im Klubcontainer am Heldenplatz
© Ulrich Renner

Interview | Politik

„Viele Leute spüren, dass es eine historische Wahl ist!“

Der erzrote Politiker Andreas Schieder im „Das Wien“-Gespräch. Er wollte Wiener Bürgermeister werden oder zumindest weiterhin SPÖ-Bundesgeschäftsführer bleiben, jetzt geht er für seine Partei nach Brüssel.

Politik liegt in der DNA, so der bald 50-jährige Andreas Schieder. Der Großvater war ein hochrangiger Funktionär der Baugewerkschaft, Vater Peter Schieder diente der Partei wie ein Soldat und bekam sogar ein Ehrengrab, die äußerst umstrittene Lebensgefährtin Sonja Wehsely hinterließ auch ihre politischen Spuren im roten Wien und der gemeinsame Sohn Max studiert wie Herr Papa Volkswirtschaftslehre und arbeitet bereits in Brüssel. In die EU zieht es nun den gescheiterten Wiener Bürgermeisterkandidaten und abgesägten Bundesgeschäftsführer. Den Fragen von Suzan Aytekin („Das Wien“) stellte sich der Rapid-Fan äußerst sportlich.

Das Wien: In den vergangenen Wochen war oft die Rede von Menschenrechten. Wie soll man mit straffällig gewordenen Flüchtlingen und österreichischen Staatsbürgern, wie rückkehrenden IS-Kämpfern umgehen?
Schieder: Ich glaube, wer straffällig ist, gehört vor ein Gericht gestellt. Wenn das Gericht entscheidet, dass man so eine arge Straftat begangen hat, dass man eingesperrt werden muss, gehört man auch eingesperrt. Gerade der Fall in Vorarlberg hat gezeigt, dass die Behörden in Österreich versagen. Denn nach unserer Rechtslage hätte dieser Mörder nicht frei herumlaufen dürfen, der hätte schon längst eingesperrt gehört. Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass im Innenministerium dieses Behördenversagen jetzt ignoriert wird und da eine neue Diskussion begonnen wird, um abzulenken, dass man hier eigentlich versagt hat.

Das Wien: Sie plädieren stets dafür, dass Integration mehr gefördert wird. Hat die SPÖ hier Fehler gemacht? Was wurde in der Vergangenheit verabsäumt?
Schieder: Sicher sind immer Fehler passiert. Wenn es Veränderungen gibt, dann muss man reagieren. Und wenn man zurückschaut, könnte man es immer besser machen. Ich trete zum Beispiel ganz massiv für einen ganz entschiedenen Kampf gegen den radikalen Islamismus ein. Da ist für mich 0 Toleranz.

Das Wien: In der österreichischen Sozialdemokratie krankt es an Authentizität. Ist die einstige Partei der kleinen Leute verbonzt?
Schieder: Ganz und gar nicht, die SPÖ ist zutiefst verwurzelt im Alltagsleben der Arbeitnehmer in Österreich. Ich fahre jetzt viel durch Österreich, gehe viel in Betriebe, besuche viele SPÖ-Veranstaltungen. Da treffe ich keine Bonzen, sondern Leute, die Alltagssorgen haben, die merken der Druck in ihrer Fabrik auf sie wird immer größer, das Finanzieren des Lebens wird immer schwieriger. Das sind Menschen, auch Betriebsräte, die sich für andere einsetzen. Das sind Leute, die obwohl sie nicht viel haben, sich dann trotzdem bei der Volkshilfe oder bei der Caritas für sozialen Zusammenhalt engagieren. Das sind die Leute, die die SPÖ ausmachen und für die SPÖ auch steht.

Das Wien: Ist die SPÖ noch links?
Schieder: Ja. Die SPÖ ist dann links, wenn es darum geht ganz radikal für soziale Sicherheit einzustehen.

Das Wien: Die Schuld für Sozialabbau geben Sie permanent Nationalisten, dabei …
Schieder: Ja, weil es auch so ist. Weil die Nationalisten unser Sozialsystem zerstören.

Das Wien: … dabei war ja die SPÖ auch lange Zeit an der Macht.
Schieder: Ja, da ist auch mehr passiert.

Das Wien: Hat die Linke nicht auch eine Mitverantwortung an der Tatsache, dass sich die Rechte etablierte?
Schieder: Ja, aber am Schluss ist die Rechte daran schuld, dass sie jetzt alles zerstören. Wenn wir uns anschauen – es ist die „Soziale Heimatpartei“ versprochen worden und was wird jetzt gemacht? Das Sozialsystem wird zerstört und die Heimat wird auch kaputt gemacht, indem beim Klimawandel z.B. einfach erlaubt wird, dass Österreich kaputt geht, die Gletscher immer weniger werden. Das ist für mich weder sozial noch Heimat. Das ist nur Verrat an den Wählerinnen und Wählern.

Das Wien: Das Match um die Nachfolge von Michael Häupl als Wiener SPÖ-Chef und infolge auch als Bürgermeister haben Sie im Direktduell gegen Michael Ludwig verloren. Wie konnten Sie diese Niederlage einstecken?
Schieder: Ganz einfach – wenn man sich einer demokratischen Wahl stellt, dann gibt es zwei Möglichkeiten: man gewinnt oder man gewinnt nicht. Daher ist es auch klar, wenn man sich schon stellt, dass die zweite Option auch möglich ist und das ist das Gute an der Demokratie, auch an einer innerparteilichen Demokratie. Es gibt eine Abstimmung und dann ist die Sache entschieden. Nach der Entscheidung geht es darum, dass man nach vorne schaut. Meine Zusammenarbeit mit Michael Ludwig ist seit dem Tag des Parteitags hervorragend. Die Frage ist entschieden, er ist ein guter Wiener Bürgermeister und er unterstützt mich mit all seiner Kraft jetzt auch auf dem Weg nach Europa.

Das Wien: Sind Sie nur ein Ersatz Ihrer Partei für den eigentlichen EU-Spitzenkandidaten Christian Kern, der sich in die Privatwirtschaft nach Israel vertschüsst hat?
Schieder: Nein. Ganz klare Antwort: nein. Ich bin überhaupt kein Ersatzspieler, ich bin Stürmer. Ehrlich gesagt, jeder der mich kennt und mein Leben studiert, weiß, dass ich eine hohe Kompetenz in europapolitischen Fragen habe. Europa war immer Teil meines Lebens und dem widme ich mich jetzt – einem neuen Europa. Was Wir merken ist, dass die EU an einem Scheideweg steht, entweder sie zerfällt, oder es gelingt uns. Das ist das, was ich machen möchte, die EU fundamental anders zu machen, nämlich sozialer und gerechter.

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