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Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal zieht im Gespräch mit „DAS WIEN“ Bilanz über ihr erstes Jahr im Amt.
© David Bohmann

Aktuell | Interview

„Setze mich für leistbares Wohnen ein!“

Schwerpunkte und Angebote sind geplant.

Das Wien: Frau Wohnbaustadträtin, wie lautet Ihre Bilanz nach etwas mehr als einem Jahr im Amt?
Gaal: Der Einsatz für möglichst leistbares und lebenswertes Wohnen in Wien ist eine unglaublich wichtige und ehrenvolle Aufgabe. Ich baue hier auf die wertvolle Arbeit meiner Vorgänger auf, erste wichtige Akzente konnten aber auch bereits in meiner Amtszeit gesetzt werden: etwa mit der Wid-mungskategorie „Geförderter Wohnbau“, mit der Wiener Wohnbauoffensive oder der Erweiterung des SMART-Wohnbauprogramms.

Das Wien: Welche Projekte wollen Sie bis zur Gemeinderatswahl noch umsetzen?
Gaal: Wir haben in den kommenden Monaten ein wirklich dichtes Programm, aber ich kann Ihnen versichern, ich arbeite nicht für Wahlen. Sondern nach bestem Wissen und Gewissen für die Wienerinnen und Wiener. Bis 2020 bringen wir noch 14.000 geförderte Wohnungen auf den Weg, wir bauen neue Gemeindewohnungen und werden auch noch im Rahmen des Jubiläumsjahres „100 Jahre Gemeindebau“ konkrete Verbesserung präsen-tieren, die das Leben im Gemeindebau bereichern werden.

Das Wien: Wie würden Sie uns das Wiener Wohnbaumodell erklären?
Gaal: Goethe hat einmal geschrieben: „Eine schlechte Wohnung macht brave Leute verächtlich.“ In diesem Satz findet sich ein zentraler Gedanke der Wiener Wohnbaupolitik, die vor 100 Jahren aus der Not nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist. Damals erkannte die Politik, dass Wohnen mehr ist als ein bloßes Dach über dem Kopf. Sondern dass leistbares und lebenswertes Wohnen ein Grundrecht ist, das für den Zusammenhalt in einer Gesell-schaft und die Lebensqualität in einer Stadt entscheidend ist – und das von der Politik entsprechend durchgesetzt werden muss.

Das Wien: Und wie sieht es heute aus?
Gaal: Insgesamt leben heute fast zwei Drittel, also 62 Prozent, der Wienerinnen und Wiener im sozialen Wohnbau. Die Wiener Wohnbaupolitik hat eine preisdämpfende Wirkung auf den Wohnungsmarkt und ist die größte Förderung der Mittelschicht in der Stadt. Das Wiener Wohnbaumodell ist aber kein Selbstläufer, sondern das Ergebnis konkreter Entscheidungen, die täglich getroffen werden müssen. Nur durch diese bewusste Politik ent-steht der Gestaltungsraum, der auch in Zukunft leistbares und lebenswertes Wohnen ermöglicht und der das Wiener Modell einzigartig macht. So hat Wien gerade erst jüngst die Widmungskategorie „Geförderter Wohnbau“ eingeführt und hat stets die Kontrolle über sein Wohneigentum behalten, auch in Zeiten, als andere Kommunen unter öffentlichem Beifall privatisiert haben.

Das Wien: Und was erwarten Sie von der neuen Widmungskategorie„Geförderter Wohnbau“?
Gaal: Ich bin in die Politik gegangen, um konkrete Verbesserungen für die Wienerinnen und Wiener zu erreichen. Leistbares Wohnen ist bei uns kein Privileg für Besserverdiener. Sondern ein Grundrecht für alle. Und die Widmungskategorie „Gefördeter Wohnbau“ sorgt dafür, dass das so bleibt: für gemeinnützige Wohnbauträger wird es dadurch einfacher, leistbaren Boden zum Bauen zu finden.

Das Wien: Kritiker meinen, durch die Widmungskategorie könnte leistbarer Wohnraum auch verknappt werden. Stattdessen wäre eine Nachverdichtung im Gemeindebau sinnvoller. Was sagen Sie dazu?
Gaal: Natürlich kann man hier unterschiedlicher Meinung sein. Aber ich bin mir sicher, dass die Widmungskategorie ein wirksamer Hebel für mehr leistbaren und lebenswerten Wohnraum ist. Durch die Widmungskategorie wird sichergestellt, dass auch in Zukunft ausreichend geförderte Wohnun-gen errichtet werden können. Außerdem wird eine spürbare Preisdämpfung am Grundstücksmarkt erreicht. Nachverdichtung ja, aber richtig. Ich bin für sanfte Nachverdichtung, jedoch sicher nicht dafür, dass begrünte Innenhöfe zugebaut werden. Wo es möglich ist, bauen wir zum Beispiel die Dach-böden von Gemeindebauten aus und schaffen so neuen Wohnraum.

Das Wien: Was ist der Hintergrund des neuen SMART-Wohnbauprogramms?
Gaal: Das populäre SMART-Wohnbauprogramm wird massiv erweitert: SMART-Wohnungen zählen mittlerweile zu den beliebtesten Wohnformen. Damit dieses Erfolgsmodell auch weiterhin umsetzbar ist, wird die Stadt Wien die Förderung erhöhen. Außerdem wird künftig jede zweite geförderte Wohnung als SMART-Wohnung errichtet. SMART-Wohnungen verbinden optimale Wohnraumnutzung durch kompakte Grundrisse mit leistbaren Mieten inklusive geringer Eigenmittel.

Das Wien: Zuletzt wurden beim geförderten Wohnbau spezielle Angebote für bestimmte Gruppen geschaffen, etwa für Alleinerzieherinnen. Sind noch weitere ähnliche Schwerpunkte geplant?
Gaal: Mir es besonders wichtig, dass wir uns beim Bau von neuen Wohnungen an den konkreten Bedürfnissen der Menschen orientieren. Wir bauen für Alleinerziehende, für Singles, für Jungfamilien, für ältere Menschen und auch für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Das Wien: Apropos Gemeindebau: Die Stadt hat eine Aktion gegen illegale Müllablagerungen gestartet. Wie läuft es bisher?
Gaal: Die ersten Rückmeldungen waren äußerst positiv. Mir ist es wichtig, dass unser großer Einsatz für Sauberkeit und ein geordnetes Miteinander so sichtbar wie möglich ist. Und ich verspreche, hier wird es noch deutliche Nachschärfungen geben.

Das Wien: Können Sie uns zum Abschluss noch die ganz konkreten Maßnahmen nennen, mit denen sich die Stadt für leistbares und lebenswertes Wohnen für alle Wienerinnen einsetzt?
Gaal: Wien sieht Wohnen als Grundrecht, das von der Politik durchzusetzen ist und die Stadt hält ihre Hand schützend und regulierend über den Wohnungsmarkt. Und Wien denkt nicht daran, Gemeindewohnungen zu privatisieren, sondern erweitert stets seinen Einfluss. Unsere wichtigsten Prinzipien sind:

  1. Langfristige Grundstücksvorsorge.
  2. Hohe Wohnbaufördermittel für Sanierung und Neubau, die nie zweckentfremdet wurden.
  3. Hohe Qualitätssicherung schafft Innovation und gewährleistet Infrastruktur wie Kindergärten, Schulen, Geschäfte, Öffentlichen Verkehr.
  4. Unbefristete Mietverträge und leistbare Mieten schaffen Planbarkeit und Sicherheit.
  5. Soziale Durchmischung verhindert Stigmatisierung, auch Besserverdienende sind im sozialen Wohnbau willkommen; niemand soll in Wien das Einkommen einer Person an der Adresse erkennen können.

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