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Franzobel, literarischer Aktionist
© Alex Felix Rauscher

Interview | Kultur

„Politik verdirbt den Charakter!“

Er amüsiert, polarisiert und provoziert: Franzobel – Österreichs produktivster Literat und Querdenker im „Das Wien“-Gespräch. Er outet sich als Merkel-Fan.

Franzobel (52), als Franz Stefan Griebl in Oberösterreich geboren, mehr als die Hälfte seines Lebens in Wien wohnhaft, ist einer der populärsten deutschsprachigen Schriftsteller. Der studierte Germanist und Historiker erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), die Bert-Brecht-Medaille (2000), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002), zwei Nestroy-Theaterpreise (2005) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Von Franzobel erschienen zuletzt die Krimis „Wiener Wunder“ und „Groschens Grab“. Für den epochalen Roman „Das Floß der Medusa“ stand er 2017 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet. Nun hat der bekennende Genussmensch den nächsten Kassenschlager auf den Markt gebracht: „Rechtswalzer“ (Zsolnay Verlag). Ein Kriminalroman, in dem ein Mann in den Fängen der Justiz landet, Mord inklusive – und der Opernball als Propagandaspektakel. „Rechtswalzer“ beschäftigt sich mit dem Tanz am Abgrund einer Demokratie, die sich Richtung Diktatur bewegt. Suzan Aytekin bat den philosophischen Sprachvirtuosenund Preisträger des Fine Crime Award 2019 Franzobel zum Interview.

Das Wien: Sie kennen den Opernball aus drei Perspektiven: als Opernball-Demonstrant, Kabelträger für den ORF und Opernballgast. Was hatte Sie dazu bewegt gegen dieses rauschende Fest zu demonstrieren?
Franzobel: Ich war damals politisch, sozialrevolutionär und naiv. Es war angesagt, gegen dieses Fest der Reichen und Schönen zu demonstrieren – als Protest gegen das soziale Ungleichgewicht. Außerdem war der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß angesagt und verstand ich das Demonstrieren gegen den Opernball auch als Zeichen gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf.

Das Wien: Welchen Persönlichkeiten sind Sie als Kabelträger über den Weg gestolpert oder diese über Ihr Kabel womöglich?
Franzobel: Dem Kurt Waldheim bin ich fast auf den Frack getreten und mit Caroline von Monaco hatte ich kurz Blickkontakt. Damals war der Opernball noch nicht das Dschungelcamp der Österreicher, sondern ein feierlicher Abend mit Stil und Grandezza. Damals war man noch nicht so auf die Ehrengäste des Baumeisters fokussiert.

Das Wien: Ihr neuestes Buch ist ein Krimi namens „Rechtswalzer“ – wie lange haben Sie gebraucht, um auf diesen Titel zu kommen?
Franzobel: Sehr lange. Das Finden eines passenden Titels dauert bei mir oft Monate, manchmal sogar Jahre.

Das Wien: Ein Zitat von Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ steht zu Beginn Ihres gesellschaftskritischen Kriminalromans. „Dass Politik in meinem Leben eine Rolle spielen könnte, verwirrte und ekelte mich ein bisschen …“ Warum?
Franzobel: In Houllebecqs Roman hat eine islamistische Regierung die Macht ergriffen. Bei mir ist es quasi der Gegenentwurf, wird Österreich im Jahre 2024 von einer radikalen, nationalen, ausländerfeindlichen Partei regiert.

Das Wien: Wie politisch sind Sie eigentlich?
Franzobel: Unterschiedlich. Es gibt Phasen, da verfolge ich die Politik sehr intensiv, dann gibt es aber auch Zeiten, in denen mich das alles abstößt und anekelt, mir die Politik jede Lebensfreude verdirbt.

Das Wien: Franzobel goes Politics - werden wir das eines Tages erleben dürfen? Es gibt zahlreiche Quereinsteiger. Warum nicht auch ein intellektueller Querdenker?
Franzobel: Niemals! Politik verdirbt den Charakter. Außerdem bin ich nicht macht- oder mediengeil und mit dem Schreiben völlig ausgelastet.

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