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Stadträtin Kathrin Gaál beim Spatensich für die Oase22.
© Bohmann/PID

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Kathrin Gaál: Lebenswertes Wohnen ist ein Grundrecht

Die Stadträtin für Wohnbau und Stadterneuerung sowie Frauen spricht im Interview mit "DAS WIEN" über künftige Projekte in Wien.

Das Wien: Sie haben erst im November den Spatenstich für 500 geförderte Wohnungen im Stadtentwicklungsgebiet Oase22+ vorgenommen. Wie viele werden bis zur Wahl kommendes Jahr noch folgen?
Gaál: Im Rahmen unserer Qualitätsoffensive für leistbaren und lebenswerten Wohnraum bringen wir bis 2020 rund 14.000 geförderte Wohnungen auf den Weg. Hinzu kommen noch 4.000 Wohnungen im Gemeindebau Neu. Zusätzlich haben wir gerade erst vor Kurzem eine massive Erweiterung des SMART-Wohnbauprogramms angekündigt. Zukünftig wird jede zweite geförderte Wohnung eine SMART-Wohnung sein. Zwischen 2020 und 2025 wird die Stadt Wien zusätzlich 135 Millionen Euro in das SMART-Wohnbauprogramm investieren.

Das Wien: Die SPÖ hat sich „leistbares Wohnen“ auf die Fahnen geschrieben. Was verstehen Sie unter einer „leistbaren Wohnung“?
Gaál: "Eine schlechte Wohnung macht brave Leute verächtlich." In diesem Satz von Goethe findet sich ein ganz zentraler Gedanke der Wiener Wohnbaupolitik, die vor 100 Jahren aus der Not nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist. Damals erkannte die Politik, dass Wohnen mehr ist als nur ein Dach über dem Kopf. Sondern dass leistbares und lebenswertes Wohnen ein Grundrecht ist, das für den sozialen Frieden, den Zusammenhalt und die Lebensqualität in einer Stadt entscheidend ist.

Das Wien: Bei dem jüngst gestarteten Projekt Oase22+ wird es für die Bewohner Balkone, Terrassen oder Loggien, sowie großzügige Gemeinschaftsräume mit Außenbereichen und Kleinkinderspielplätzen, einen Waschsalon, nebst Kinderwagen- und Fahrradräumen geben. Das ist ja alles sehr schön, aber wäre es nicht billiger, das alles wegzulassen und dafür die Mieten zu senken?
Gaál: Wie gesagt, lebenswertes Wohnen ist für uns in Wien ein Grundrecht. Wohnungen ohne die entsprechende Infrastruktur erzeugen massive soziale Probleme. Die Stadt will bewusst keine Wohn-Ghettos wie in Paris, sondern fördert ein lebenswertes Miteinander in den Wohnhäusern. Unsere hohe Qualitätssicherung gewährleistet auch, dass wir nicht nur Wohnungen bauen, sondern auch für die entsprechende Infrastruktur sorgen. Mit Kindergärten, Schulen, belebten Erdgeschoßzonen mit Geschäften und Lokalen, Ausbau des öffentlichen Verkehrs und noch vielem mehr. Diese ganzheitliche Wohnbaupolitik, bei der immer die konkreten Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen, hat in Wien Tradition. Daran erinnert uns gerade heuer das Jubiläum 100-Jahre-Gemeindebau. Und ohne zu übertreiben: Für die Früchte dieser konsequenten Wohnbaupolitik bewundert und beneidet uns die ganze Welt.

Das Wien: Mit der sympathischen Kampagne "Wien baut vor" wollen Sie Proteste gegen notwendige Bauvorhaben abfedern. Was sagen Sie den Kritikern von Baustellen?
Gaál: Wien verändert sich. Neue Stadtteile entstehen und viele alte Stadtteile erhalten ein neues Gesicht. Mit diesem Wachstum sind natürlich auch Herausforderungen verbunden. Ob Lärm, Schmutz, Staub oder eine verbaute Aussicht: Baustellen und neue Wohnbauten können für Ärger sorgen. Gleichzeitig kann ohne Bauarbeiten aber nichts Neues entstehen. Die Baustelle von heute ist die funktionierende Infrastruktur von morgen. Gerade deshalb freue ich mich sehr, dass die Initiative ‚Wien baut vor‘ für mehr positive Stimmung, Akzeptanz und Informationen bei neuen Bauvorhaben sorgt.

Das Wien: Als Frauenstadträtin haben Sie unlängst den Equal Pay Day begangen. Er vergleicht die Einkommen von durchgängig Vollzeit beschäftigten Männern und Frauen. Der österreichweite Equal Pay Day war am 21. Oktober. In Wien ist er heuer auf den 9. November 2019 gefallen. Das heißt, dass sich Wien seit vergangenem Jahr um drei Tage verbessert hat. Worauf führen Sie das zurück?
Gaál: Dass sich Wien beim „Equal Pay Day“ verbessert hat, ist erfreulich. Das Ziel lautet: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ Die Stadt Wien setzt zahlreiche Maßnahmen, um die Aus- und Weiterbildung von Frauen zu fördern. Der waff (Wiener Arbeitnehmer Förderungsfonds) unterstützt Frauen mit eigenen Förderprogrammen bei der Weiterbildung, bei beruflicher Veränderung oder einem Wiedereinstieg nach der Karenz. Damit werden Frauen neue Chancen im Beruf eröffnet. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele Frauen – und auch Männer – ein wichtiges Thema.
Auch bei den Kinderbetreuungsplätzen ist Wien top. Für Eltern mit dem Hauptwohnsitz in Wien ist der Kindergarten beitragsfrei. Auch das ist eine wichtige Maßnahme, um Frauen – und auch Männer – bei der Kinderbetreuung zu unterstützen.

Das Wien: Mehr als 40 Prozent der weiblichen Lehrlinge wählen nur drei Berufe (Bürokauffrau, Einzelhandel, Friseurin). Gerade in den Lehrberufen, die Mädchen vorwiegend wählen, sind die Einstiegsgehälter niedriger als in den von Burschen gewählten Lehrberufen. Ist das der Grund für den Gender Pay Gap?
Gaál: Es ist wesentlich, Mädchen und junge Frauen zu fördern und zu unterstützen. Wir wollen Mädchen und jungen Frauen bewusst die ganze Breite ihrer Möglichkeiten aufzeigen. Deshalb sind Veranstaltungen wie etwa der Wiener Töchtertag so wichtig. Hier können Mädchen Einblick in verschiedenste, auch technische Berufe bekommen. Der Töchtertag zeigt: Mädchen sollen wissen, dass sie alles machen können, was sie wollen. Die Botschaft ist: Euch stehen alle Chancen offen. Das zeigen wir auch in unseren kostenlosen Mädchen-Workshops im Frauenzentrum. Wir wollen Frauen und Mädchen in ihrer Selbstbestimmung stärken.

Das Wien: Wie sieht es mit der Entlohnung im eigenen Bereich aus? Verdienen bei Ihnen im Ressort die Frauen gleich viel wie die Männer?
Gaál: In meiner Geschäftsgruppe gelten für Männer wie Frauen genau die gleichen Bedingungen.

Das Wien: Mit Kampagnen wie „#wasgeht?“, „#keinegewaltgegenfrauen“, oder „Mädchen haben Recht(e)“, setzen Sie sich für die Rechte von Frauen und weiblichen Jugendlichen ein. Was wollen Sie mit diesen Kampagnen bewirken?
Gaál: Wir wollen Mädchen und junge Frauen stärken. Mit der Kampagne „#wasgeht?“ haben wir Klischees thematisiert. Es geht darum, veraltete Rollenbilder aufzubrechen. So fasst etwa die neue Broschüre „Mädchen haben Recht(e)“ des Frauenservice die wichtigsten Informationen und Beratungsstellen für junge Wienerinnen zusammen. Es ist mir wichtig, dass auch Mädchen ihre Rechte kennen. Mit der Kampagne #keinegewaltgegenfrauen sagen wir ganz klar: Gewalt gegen Frauen hat in unserer Stadt, in unserem Wien keinen Platz und ist niemals zu dulden. Wichtig ist, dass Frauen wissen, dass sie in einer Notlage professionelle Ansprechpersonen haben. Frauen, die sich bedroht fühlen oder die Gewalt erfahren haben, finden Unterstützung beim 24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien – 01 71 71 9 – und in den Wiener Frauenhäusern.

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