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Harald Raffer

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Im Zeitraffer
Von Harald Raffer

Titelsucht …

Einen Titel muss der Mensch haben. Ohne Titel ist er nackt und ein gar grauslicher Anblick“, schrieb der deutsche Publizist Kurt Tucholsky. Mit diesen Worten kritisierte der Schriftsteller die grassierende Titel-Sucht. Man kann also ein noch so großer Idiot sein, aber mit einem akademischen Grad steht man plötzlich als möglicher „Nobelpreisträger“ da. Kein Wunder, dass Institutionen wie etwa die Wirtschaftskammer Ehrenbezeichnungen verleihen, etwa den „Kommerzialrat“.

Was man dazu benötigt?
Eigentlich nur gute Beziehungen. Das betrifft auch den „Ehrenprofessor“, den der Herr Bundespräsident verschenkt – meist an Schriftsteller, Künstler, Moderatoren und sogar Köche. Seit Kurzem kann ein Meister eines Handwerkes offiziell als „Mst.“ in den Pass eingetragen werden. Es soll das Gewerbe aufwerten. Dabei wird heutzutage ein guter Handwerker längst mehr geschätzt, als der promovierte Uni-Absolvent eines Orchideenfaches. Nimmt man jetzt den hinter dem Namen angeführten Bachelor, den MBA etc. dazu, wird die Titelflut zur Sintflut.

Dabei wurden in Österreich 1918 die Adelstitel abgeschafft. Doch bei der Bevölkerung bleibt der Herr Graf, der Herr Graf. Diese Bezeichnungen gelten längst als Möbelpolitur für Namen, soziale Statussymbole und Mittel zur Selbstdarstellung. Man muss dafür kein Kammerschauspieler sein. Vermutlich wird bald der Begriff Putzfrau (gilt längst als Raumkosmetikerin oder Putzdesignerin) durch den Namen „Oberstaub-Hauptkommissarin“ abgelöst. Eine Titel-Inflation gibt es bei der katholischen Kirche oder beim Roten Kreuz. Da frisst jedem Generalmajor der Neid. In den Ämtern herrschen Hof-, Amts-, Ministerialräte, Sektionschefs, Oberrevidenten, Fachoberinspektoren, Bergräte etc. Ärzte freuen sich über die Anrede „Obermedizinalrat“, Lehrer über den „Studienrat“. Oh du glückliches Österreich.

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