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Harald Raffer

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Im Zeitraffer
Von Harald Raffer

Einsamer Tod

Im Herzen von Wien – vor dem Haus des Meeres in Mariahilf – stirbt ein unterstandsloser 65-jähriger Mann an einer Herzattacke in seinem „Verschlag“ im Schlafsack. Die Leiche wird erst nach einer Woche entdeckt! Zuvor hatten Spaziergänger, spielende Kinder und Bauarbeiter dem leblosen „Bündel“ im Esterházypark in der Nähe des „Sandler“-Quartiers „Gruft“ keine Beachtung geschenkt. Es ist ein erschreckendes Beispiel dafür, wie einsam und hilflos man mitten in unserer Konsumgesellschaft sein Leben aushauchen kann. Zwischen dreckigen Kartons, Plastikmüll und Textilfetzen. Dem digitalisierten Menschen fehlt die Zeit für persönliche Gespräche. Schließlich wird man selbst von Sorgen und Ängsten geplagt. Der Egoismus blüht, das Wegschauen hat Hochsaison. Und dann hört man: „Es war nur ein Ausgestoßener, ein arbeitsloser Weg-werf-Mensch, eine kranke Seele der Straße, die jetzt erlöst ist“. Das sind inakzeptable Ausreden! In Österreich leben 15.000 Menschen ohne fixe Bleibe. Frauen und Männer, von der Gesellschaft ausgespuckt und an den Rand des Alltags gedrängt. Freilich – einige der Betroffenen sind an ihrem Schicksal nicht schuldlos und als Kriminelle, Süchtige, Schuldner oder „Spinner“ von der Butterseite unseres Daseins gerutscht. Ich nächtigte vor Jahrzehnten für eine Reportage als „Sandler“ verkleidet im Klagenfurter Obdachlosenasyl. Ich habe damals viel Fürsorglichkeit unter diesen Leuten erlebt. Sieht man von einigen Unverbesserlichen ab, waren die Insassen höchst besorgt, als ein Unsteter am Häusl eingeschlafen war und damit gegen die Hausordnung verstieß. Mehrere Sandler schlichen sich aufs stille Örtchen, trugen ihren Kollegen ins Bett und deckten ihn sanft zu. Es gibt Betroffene, die nach einer Scheidung alles verlieren und in den Alkohol flüchten. Nur wenige schaffen den Ausstieg aus der Szene. Aber - jeden von uns kann es nach einem Schicksalsschlag treffen!

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