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„Das Wien“ traf die zwei wichtigsten Männer von Almdudler: Geschäftsführer Gerhard Schilling und Inhaber Thomas Klein. Treffpunkt: das Almdudlerhaus in Döbling.
© Ulrich Renner

Aktuell | Interview

Exklusives „Das Wien“-Interview mit Mister Almdudler, Thomas Klein: offen, ehrlich, menschlich.

Der Businessman trägt das Herz auf der Zunge und „dudelt“ sich mit einem Augenzwinkern durchs Leben.

Dieser Mann ist 55 und sieht überhaupt nicht so aus. Dass er Vater von drei Kindern ist, merkt man ihm auch nicht an; der homosexuell geoutete, außergewöhnliche Sprudelkönig Thomas Klein. Eigentlich wollte er Schauspieler werden, doch nach dem tragischen Selbstmord des Vaters im Jahre 1983 übernahm er die Führung des florierenden Familienunternehmens. Mit seiner Schwester besitzt und führt er die Kult-Limonaden-Marke Almdudler auf sehr kreative Art und Weise. Was in Hernals begann, ging in Döbling erfolgreich weiter. Mit „Das Wien“ plauderte der Ur-Wiener offenherzig über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Almdudler und auch über seine Wenigkeit. Er plädiert für eine Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen und mehr humanistische Werte. Zwei Bücher über seine Erfahrung mit Depressionen hat er bereits geschrieben – Shitstorm inklusive. Ein Traditionsunternehmer der anderen Sorte, eine Rarität am Businessparkett.

Das Wien: Almdudler ist die beliebteste Kräuterlimonade seit 62 Jahren. Was ist das Zauberrezept?
Klein: Also ich glaube, die Energie, die hinter dem Produkt und dessen Entstehung steckt, dass eben 1957 mein Vater meine Mutter geheiratet hat und ihr als Hochzeitsgeschenk die Marke Almdudler geschenkt hat – das ist einmal wunderbar und hat eine positive Inspiration. Zweitens, dass es eine sehr tolle Idee war, schon damals eine Kräuterlimonade zu machen – das war 1957 noch eher ein neues Wort, da hat man sich noch nicht so viel darunter vorstellen können. Und dass mein Vater versucht hat gegen die großen ausländischen Unternehmen eine Marke zu kreieren, die Menschen miteinander verbindet, indem man den Limonadenanbietern eine Marke zur Verfügung gestellt hat, die Almdudler abfüllen und vertreiben konnten. Das waren damals fast 250 oder 300 Betriebe in Österreich, aber auch sehr viele Produktionen, Zweimannbetriebe – da ist die Frau bei der Abfüllhalle gestanden und hat den Sirup angerührt und der Mann hat es am Gabelstapler ausgeliefert, so ungefähr. Vielleicht hat der Sohn auch noch mitgearbeitet und die Buchhaltung gemacht. Es waren ganz kleine Betriebe, aber dadurch ist Almdudler so groß geworden. Man muss sich vorstellen, Almdudler ist nur in der 0,35er Flasche eingeführt worden. Damals war die Bedeutung des Lebensmittelhandels fast null und es ist halt in der Gastronomie in relativ kurzer Zeit ganz national vertrieben worden. Also allein dieser Akt, das meiner Mutter zu schenken und diese authentische Geschichte, die wir hier im Unternehmen auch ehrlich erzählen können, weil sie stimmt. Das Authentische haben wir immer in unseren Unternehmenswurzeln und der Philosophie. Das macht den Erfolg von Almdudler so aus. Es ist einfach ein Lebensgefühl, ein Miteinander.

Das Wien: Die Geschichte geht ja weiter zurück. Limonaden liegen im Blut, Sie haben es quasi mit der Muttermilch aufgesaugt.
Klein: Die Firma A. & S. Klein ist 131 Jahre, wir sind eigentlich älter als viele andere Unternehmen, die aus großen Ländern kommen. Als damals in Amerika braune Säfte zusammengerührt wurden, um etwas in der Apotheke mit gewissen Substanzen zu entwickeln, haben wir schon eine Limonadenfabrik gehabt, die Kracherl, Himbeeren, Zitronen und Sodawasser gemacht hat. Die waren noch nicht so gesund, wie man es heute gerne hat, damals hat es den Mundrand der Kinder rot und blau gefärbt. Die Limonaden sind aber sehr gut gegangen, das Sodawasser auch. Mein Urgroßvater Alexander Klein hat damals die Firma gegründet, dann hat es mein Großvater übernommen. Man sagt ja: der Erste passt auf, der Zweite vergrößert, der Dritte bringt es um – das wäre mein Vater gewesen, das hat er nicht geschafft. Eigentlich hat er dem Unternehmen durch Almdudler den Motor gegeben und es dann in eine wirkliche Größenordnung gebracht.

Das Wien: Testimonials gab es bei Almdudler nie, sprich dass man jetzt einen Promi, dessen Gesicht nutzt. Warum eigentlich nicht?
Klein: Nein, das finde ich auch nicht gut, das Trachtenpärchen ist für uns eigentlich das Testimonial.

Das Wien: Das heißt, wenn ein Andreas Gabalier, der ja auch das Wort Tradition in einer gewissen Art und Weise verkörpert und auch Brauchtum und Heimat – Österreich kurz gesagt – der würde einen Korb bekommen, und wohl nicht nur einen?
Klein: Einen großen Korb. Einen groß befüllten Korb mit Almdudler. Es ist mir egal, ich sag es so wie es ist und ich denke mir: dieses Produkt braucht niemanden. Ich finde das Schöne ist, dass wir uns auch besinnen, dass es eben die Heimat gibt und diese positiv besetzt ist und uns nicht nehmen lassen, dass es Leute vielleicht versuchen an- oder zu besudeln. Heimat ist doch ein wunderbarer Ausdruck, wir verbinden das mit Tradition, das passt ja alles wunderbar zusammen, das eine schließt das andere nicht aus, wir versuchen einen Weg zu gehen, wo wir ein Spiel, eine Symbiose setzen zwischen Heimat, Tradition und Augenzwinkern und der Narr im Unternehmen. Das ist alles sehr wichtig und ich denke mir eben, was brauchen wir, wenn wir all diese Faktoren hier im Haus haben.

Das Wien: Was wollten Sie eigentlich werden, wenn Sie nicht im Alter von zarten 19 Jahren nach Vaters plötzlichem Freitod in dessen Fußstapfen getreten wären?
Klein: Ich wollte ein Clown werden. Ein Schauspieler oder ein Clown. Ich habe auch eine Clownsausbildung gemacht, aber nicht lange, ein halbes Jahr. Ich habe ein Jahr Schauspiel gemacht, Rhetorikunterricht bei einer sehr bekannten Burgschauspielerin genommen. Als ich im Gymnasium war, haben die Lehrer meine Mutter gebeten mich rauszunehmen, sie haben gesagt der schafft es nicht, der schafft das Latein und Mathe nicht, der hat ungefähr fünf Nichtgenügend und sie haben meine Mutter gebeten – bitte nehmen Sie den raus, der ist nicht geeignet für die Schule. Meine Mutter hat gesagt: Im vierten Gymnasium kommt jetzt noch Griechisch dazu und das Humanistische – das war damals das Kollegium Kalksburg. Dann habe ich gesagt: ok, dann warte ich noch und gehe aufs Max-Reinhardt-Seminar – mein Vater hat das unterstützt. Reinhardt-Seminar, kommt nicht in Frage hat die Mama gesagt, das ist ein brotloser Job, wie ich es beim Vater gesehen habe – was ja nicht stimmt, er war eigentlich ganz gut unterwegs und erfolgreich. Mach was Gescheites und dann hab ich die Hotelfachschule gemacht, was eigentlich ein Instinkt meiner Mutter war, denn in den ersten Jahren als ich im Unternehmen war, habe ich all das verwendet – bisschen EDV, Kaufmännisches, Buchhaltung. Ich habe hineinschnuppern können und gleichzeitig Schauspielunterricht gemacht. Dann ist der Vater gestorben, dann habe ich mir gedacht: das geht nicht, du musst dich für was entscheiden, weil alles so intensiv ist. Damals habe ich den Beruf des jungen Sprudelkönigs in der Wirtschaft angenommen. Ich war Infant des König Erwin, meines Vaters, habe mich ins Unternehmen integriert und immer – vor allem in den letzten Jahren – beim Trachtenpärchenball und alles was wir gemacht haben, den Schauspieler rauskehren können.

Das Wien: Sie sind Vater von drei Kindern und haben ein Familienunternehmen, das heißt man geht davon aus, die Kinder werden es übernehmen, oder eines davon. Ist das angedacht, geplant, besprochen? Wissen die von ihrem Glück?
Klein: Ja, also in beiden Stämmen – meine Schwester hat zwei Buben, ich habe drei Kinder. Zwei Mädchen, einen Buben, also Mann, der ist 31 und 27 ist meine Tochter und 25 ist die Jüngste. Mein Enkelkind ist ein Jahr, das war schon einmal da, ist schon das erste Mal wie eine Aufsichtsratsvorsitzende am Tisch gesessen und hat schon getrommelt. Also die hat sich hier schon gut etabliert. Meine Schwester hat zwei Söhne, die sind 16 und 21. In jedem Stamm gibt es so eine Person, die sich ein bisschen interessiert. Also, bei meiner Schwester ist es der Jüngere, das ist der Joe mit 16 und in meiner Familie ist es die Lara, die ist 27, die Mutter von Coco. Ausbildungsmäßig ist alles vorhanden bei den Kindern, wir haben sie da einfach auch frei entscheiden lassen. Jetzt im Nachhinein bringt man ein Kind vielleicht mehr in die Richtung. Aber das ist ein Gefühl, das man hat, dass vielleicht ein Kind mehr geeignet ist oder nicht. Unser Interesse ist, von meiner Schwester und mir als Eigentümer, so wie es mein Vater gesehen hat, dass die Kinder, wenn mal was mit uns sein sollte, gleiche Anteile haben. Da ist alles schon geregelt für uns.

Das Wien: Was kommt als nächstes nach Almdudler mit Grapefruitsaft etc.? Almdudler zum Schmieren auf Brote oder Almdudler-Parfum, Kosmetik? Weil riechen tut es ja nicht schlecht.
Klein: Es sind schon Grenzen gesetzt. Wir haben ja schon verschiedene Produkte gemacht, die ein bis zwei Jahre erfolgreich waren. Also von Almdudler-Eis mit Schöller, mit Englhofer haben wir Almdudler-Kräuterzuckerln gehabt, mit Katjes hatten wir Almdudlertrachtenbärchen, wir haben ein Joghurt gemacht. Das sind so Nischenprodukte, die auch einmal ganz gute Werbung sind, wenn sie wo am Markt präsent sind. Ich finde schon, dass es dann Grenzen gibt. Dass wir natürlich neue Bereiche erschließen wollen, ist klar, aber unser Hauptumsatzträger ist der klassische Almdudler. Aber ich kann mir nicht vorstellen, Almdudler-Autopolitur oder einen Brotaufstrich zu machen. Also unter meiner Ära sicher nicht. Wie meine Kinder oder Enkelkinder entscheiden werden, weiß ich nicht, aber das ist mir dann eigentlich wurscht.

Das Wien: Wo sehen Sie Almdudler und sich selbst in den nächsten Jahren, Jahrzehnten? Was ist Ihre Vision?
Klein: Alles, was ich bisher in meinem Leben gemacht hatte, habe ich nicht mit Berechnung gemacht. Es war einfach damals der Zeitpunkt so, dass ich mir am Beginn meiner Krankheit, die 1996 ausgebrochen ist, die der Vater auch schon gehabt hat – aber das ist auch immer die Frage: was ist Depression, wodurch entsteht Depression? – es sich dann 1996 langsam aufgebaut hat und in ein Burnout übergegangen ist und dann in die Depression. Damals nach ein, zwei Jahren, wo es weiter bergab ging, dachte ich mir, wenn der Zeitpunkt kommt, dass es mir mal besser geht, werde ich ein Buch schreiben und mich an die Öffentlichkeit wenden, um den Menschen auch zu zeigen, dass es einen Weg gibt. Ich habe meinen spirituellen Glauben gefunden, ich nenne ihn nach wie vor den lieben Gott, ich habe da sehr viele Erlebnisse gehabt. Ich war im AKH auf der Psychiatrie und in der Kirche dort und habe mit den ganzen Kranken – da kriege ich Gänsehaut, wenn ich das erzähle – mit den ganzen psychisch kranken Menschen Hand gehalten und wir haben zusammen gebetet. Dann ist so eine ganz eine eigene Stimmung in mir hochgekommen und ich habe mir gedacht: irgendwas will ich tun, wenn ich das alles überlebe, wenn ich das alles schaffe, dann werde ich auch in einem Buch den Menschen versuchen Hoffnung zu machen.

Das Wien: Gab es Briefe von Konsumenten oder von Kunden, negatives Feedback zu Ihrem Lifestyle?
Klein: Ach, es gab immer was. Die meisten, als ich das Buch geschrieben und mich geoutet habe. Den sogenannten Shitstorm gab es von den Schwulen.

Das Wien: Sie stehen ja zu Ihrer Depression. Doch woran liegt es, dass psychisch erkrankte, depressive Menschen keine Lobby haben?
Klein: Es liegt daran, dass es manchmal nicht ganz schick ist für die Depression was zu machen. Man will nichts mit psychisch kranken Menschen zu tun haben. Ich liebe z.B. Gugging, da oben habe ich sehr viele Leute und Freunde, da gibt es ganz tolle Künstler, Maler, die gelernt haben autodidaktisch zu malen. Da gehe ich manchmal zu meinen Künstlerfreunden ins Atelier rein. Allein auch diese Einteilung der Randgruppen, und ob man jetzt dazu gehört – Ich habe letztes Mal gesagt: sowohl als Depressiver, wie auch als Homosexueller, ich habe es satt toleriert zu werden. Toleranz kann gerade eine Überbrückungsphase der Akzeptanz sein. Wir müssen akzeptiert werden. Wenn du was akzeptierst, dann nimmst du es wirklich an. Wenn du was tolerierst, das hat immer so ein Gefühl, naja, ja, toleriert man halt.

Das Wien: Dieses Menscheln ist doch in Ihrer Businesswelt, in dieser hartnäckigen, kalten egozentrischen Branche sehr ungewöhnlich, nicht Usus.
Klein: Ja, das ist richtig.

Das Wien: Sie sind schon ein Unikat, das macht Sie und somit auch Almdudler so anders, ja sympathisch.
Klein: Ja, aber wissen Sie, ich würde auch zugrunde gehen, wenn ich das nicht könnte. Was ich meinen Kindern und was mir meine Eltern beigebracht haben, ist Menschlichkeit und bleib am Boden, egal wie weit du es geschafft hast. Ich rede gerne – aus Überzeugung, nicht aus Berechnung – mit allen Leuten, ob das jetzt ein Taxifahrer oder Straßenbahnfahrer ist, ob das ein Großkunde, irgendein Konsument ist. Was mich halt so stört ist, wie z.B. als ich mich damals eingesetzt habe – ich muss mich sehr zurückhalten, weil wir als Unternehmen halt vorsichtig sein müssen uns politisch zu äußern, ist klar. Aber ich würde gerne was sagen und ich traue mich oft nicht mehr etwas zu sagen, weil wenn wer was sagt, egal wie sympathisch er ist, kriegt dann so eine über die Rübe, weil man halt heute leicht was schreibt. Und da denke ich mir, man muss sich manchmal zurückhalten und das fällt mir manchmal sehr schwer. Da werde ich Gott sei Dank immer wieder vorsichtig eingebremst, dass ich mich nicht zu weit rauslehne, was wichtig ist. Aber: man muss schon sagen, dass die Toleranz und dieses auf den anderen noch zu schauen und die Nächstenliebe, das kommt alles zu kurz hier bei uns, auch in anderen Ländern.

Das Wien: Thomas Klein goes Politics, werden wir das mal erleben?
Klein: Nein, dafür habe ich eine zu dunkle Vergangenheit. Die könnte mich einholen. (lacht)

Das Wien: Schmäh ohne, Sie haben ja eine Meinung, sind sehr gesellschaftskritisch. Aber interessiert es Sie nicht so sehr, dass Sie sich denken, ich kann es mir erlauben politisch Farbe zu bekennen, sofern es die Farbe gibt, mit der Sie sich auch identifizieren können?
Klein: Also, ob ich in die Politik gehen würde - Nein, nein, da ist mir meine Familie zu wichtig. Also meine Priorität ist Familie, die Kinder, die Enkelkinder, meine Schwester, also meine Familie halt und dann das Zweite ist das Unternehmen.

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