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Naschmarkt 1955
© Marktamtsmuseum

Geschichte

Die Geschichte des Wiener Naschmarktes

Eigentlich begann alles im Jahre 1791. Und zwar mitten im Winter, am 5. Jänner. Teil 2 von 2

Und 1916 wurde – als kriegsbedingtes Provisorium – der Naschmarkt auf seinem heutigen Ort eröffnet. So ist das halt mit den Provisorien. Auf einmal sind sie da und dann wollen sie einfach nicht verschwinden, von wegen der normativen Kraft des Faktischen oder so. Etwa 600 Händlern boten die neuen Standeln Platz, die kleinen Hütteln fanden bei der Bevölkerung regen Zuspruch, so dass bald die Ortsbezeichnung „Neu-Hütteldorf“ entstanden war. Und das Stadtbauamt erwähnte, dass man sich absichtlich für die halboffene „orientalische“ Art der Standeln entschieden hatte, weil die Wiener eine geschlossene Markthalle notorisch ablehnten.

Damals – also 1916 – wurde hinter dem Naschmarkt der Wiener Großmarkt errichtet. Und zwar auf jenem Gelände, auf dem seit 1977 der Wiener Flohmarkt beheimatet ist. Der dortige Großmarkt hatte jedoch ein paar gravierende Nachteile, wie sich später zeigte. Einmal fehlte ihm die Anbindung an die Eisenbahn, zudem sollte ein Großmarkt wegen der nächtlichen Lärmbelästigung durch die unumgänglichen LKW-Fahrten eher nicht im verbauten Gebiet liegen. Also übersiedelte der Großmarkt im Jahre 1977 – in Wien braucht’s von der Erkenntnis eines Nachteils bis zu seinem Verschwinden mitunter Jahrzehnte – nach Inzersdorf.

Und der Naschmarkt? – Wie gesagt, der erfreute sich auch nach dem Untergang der Habsburgermonarchie großer Beliebtheit, wie einem Bericht des Mariahilfer Heimatbuches aus dem Jahre 1926 zu entnehmen ist: Anstatt der Standeln, die vor Sonne und Regen durch ungeheure Schirme geschützt waren, sehen wir hier nette Verkaufshütten verschiedener Ausdehnung schön in einer Reihe nebeneinander auf betoniertem Boden, der leicht gründlich gereinigt werden kann. Für die Pferde der Marktbesucher ist ein Brunnen aufgestellt. Die Marktamtsabteilung ist in einem eigenen Hause untergebracht. Marktabfälle werden in Blechbehältern gesammelt.

Elektrisches Licht erhellt in der Dunkelheit die Gassen zwischen den Buden und auch diese selbst, indes auf dem alten Naschmarkt jeder Standbesitzer sich mit Öllampe oder Talgkerze selber Licht verschaffen musste. Klar zeigt der Bericht die Vorteile des neuen Marktes: Licht, Übersichtlichkeit und relative Sauberkeit – wobei ein sogenannter Mist stets auf den Märkten zu finden ist, wie auch das Unkraut unter den Kräutern und das Unwetter unter den Wettern. Aber jetzt schließen wir das Kapitel „Philosophie“, sonst müsste ich noch über den „Freien Markt“ reden, der jetzt weltweit zusammenbricht wie ein Kartenhaus, und jetzt führt der Weg direkt von der Globalisierung genau zu den Standeln auf dem Wiener Naschmarkt. Freilich ist unser Naschmarkt ein merkwürdiges Konglomerat. Einerseits der großbürgerliche oder gar kakanische Boulevard mit den Otto-Wagner-Häusern, den Gott sei Dank nicht abgerissenen Haltestellen der Metro, die in Wien im Gegensatz zu Prag und Moskau und Paris als „U-Bahn“ bezeichnet wird. Und andrerseits das quirlige, emsige Treiben auf dem Nachmarkt, das Vergleiche mit dem orientalischen Basar oder dem maghrebinischen Sukh nicht zu scheuen braucht.

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