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Theaterlegende Otto Schenk
© Ulrich Renner

Interview | Kultur

„Ohne Glück kann man am Theater gar nichts werden“

„Das Wien“-Gespräch mit Theaterlegende Otto Schenk. Der beliebte Schauspieler und Regisseur wollte nie nach Hollywood. Er kocht leidenschaftlich gerne Gulasch, glaubt an kein ewiges Leben und spürt kaum Lampenfieber.

Publikumsliebling Otto SCHENK (88) nimmt auf einem kleinen Sofa in der beeindruckenden Bibliothek seiner geräumigen Dachgeschosswohnung in der Wiener Innenstadt Platz. Kräftige Bilder, eindrucksvolle Kunstwerke und eine bunte Sammlung mit Porzellan- und Glasfiguren entführen den Besucher in eine zauberhafte Welt. Der beliebte Schauspieler und Vater eines Dirigenten präsentiert sein neuestes Buch „Wer´s hört, wird selig“. Der bekannte Regisseur und ehemalige Jus-Studienabbrecher spricht mit Harald RAFFER („Das Wien“) über Talente, das Kabarett, Lieblingsrollen, Lampenfieber, Theaterblut und seine geliebte Frau als seine schärfste Kritikerin.

Das Wien: Herr Schenk, Sie laden am 3. November in den Wiener Musikverein zur Präsentation Ihres neuen Leseprogrammes. Es geht um Musikalisches und Unmusikalisches. Sie arbeiteten an den wichtigsten Opernhäusern der Welt. Wie musikalisch sind Sie wirklich?
Schenk: Ich bin sehnsuchtsmusikalisch. So würde ich mich bezeichnen. Ich sehne mich nach einer größeren Musikalität, nach einem Klavier spielen können, nach einem Dirigieren können, nach einem Singen können – und alles das habe ich nicht. Was ich aber sehr geschult habe in mir ist das Hören können, was Musik meint. Besonders dramatische Musik. Das habe ich versucht bei meinen Inszenierungen in Opernhäusern zu bedienen und den Sängern zu helfen, dass sie auch wissen, was sie singen oder wissen, was sie meinen, wenn sie was singen.

Das Wien: Sie geben jetzt ein weiteres Buch heraus. Können Sie etwas aus dem Inhalt verraten?
Schenk: Ich bin ein kaleidoskopischer Schreiber, also ich verweigere, mein Leben zu erzählen. Ich erzähle nur die Blitzlichter. Die größten Blitzlichter sind von der Musik gestreut worden. Ohne Musik zu leben war mir bisher unmöglich. Ich war immer im Hören und im Hineinhorchen wollen gierig nach Musik. Nach Musikverständnis. Und Verstehen machen. Ich versuche mit der Kraft des Humors und der Kraft der Anekdote und der Kraft meiner sporadischen Erlebnisse diese Musik den Leuten näherzubringen, so wie ich sie schlampig verstanden habe.

Das Wien: Sie gelten längst als Theaterlegende. Fühlen Sie sich als Schauspieler, Sänger, Autor, Kabarettist, Regisseur oder Intendant. Was davon sind Sie eigentlich?
Schenk: Gar nichts!

Das Wien: Sie spielten zuletzt immer gerne eine besondere Rolle – nämlich den Schenk…
Schenk: Das ist nicht richtig. Ich verwende den Otto Schenk als Material, um zu spielen und die Rollen zu bedienen. Und um das aus dem Otto Schenk herauszuholen, was der Rolle entspricht. Ich verwandle mich nicht optisch, in dem ich mir Nasen klebe und Masken anpicke, sondern ich versuche den Charakter der jeweiligen Menschen mit meinem Charakter zu bedienen oder mit einem Charakter zu bedienen, den ich mir vorstelle. Ich arbeite also mit meiner realistischen Fantasie, möchte ich sagen. Natürlich ähneln dann diese Figuren, die ich spiele, dem Otto Schenk. Dabei bin ich mir ja gar nicht sicher, was der Otto Schenk wirklich ist…

Das Wien: Was zeichnet, abgesehen vom Talent, einen guten Schauspieler aus, was einen guten Kabarettisten?
Schenk: Ein guter Kabarettist ist auch ein guter Schauspieler. Er darf vielleicht ein wenig überzeichnen, ein wenig karikieren, darf die Figur ein wenig kritisch bedienen, während der Schauspieler des Theaters glaubhaft das Schicksal, das er erlebt, bedienen muss. Das ist dem Kabarettisten nicht so wichtig. Man muss kein Kabarettist sein, wenn man Schauspieler ist. Man muss dafür auch kein kabarettistisches Talent haben, wenn man Theaterschauspieler ist. Aber man braucht ein schauspielerisches Talent, wenn man Kabarettist ist.

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